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Lehrlinge: Arbeitslose der Zukunft?

Story: Sara Vučić Foto: Igor Ripak

Schlecht und unfair bezahlt, von der Politik vergessen, MaturantInnen bevorzugt: Immer öfter hört man, dass in Österreich mit Lehrlingen die Arbeitslosen der Zukunft produziert werden. Auch eine Studie des Instituts für Jugendkulturforschung zeigt, dass es Lehrlingen in Österreich zurzeit nicht besonders gut geht.

Dass hinter Sprichwörtern oft etwas Wahres dran ist, bestätigen die Zahlen: beinahe 80 Prozent aller Befragten sind sich einig, dass Lehrjahre definitiv keine Herrenjahre sind. Außerdem fühlen sich 60 Prozent der Lehrlinge von der Politik vernachlässigt. Aus einer Befragung durch die Arbeiterkammer und dem Gewerkschaftsbund geht außerdem hervor, dass sich von den befragten Lehrlingen lediglich die Hälfte noch einmal für den gleichen Beruf und den gleichen Arbeitgeber entscheiden würden. Der Lehrlingsmonitor der Österreichischen Gewerkschaftsjugend besagt überdies, dass Lehrberufe wie Einzelhandel oder FriseurIn und PerückenmacherIn am schlechtesten bewertet wurden.

Mit welchen Problemen haben Lehrlinge zu kämpfen?

Erich Huber, Abteilungsleiter der bildungspolitischen Abteilung der Wirtschaftskammer Wien, zufolge ist das vor allem der Schritt von der Schule, die immer noch zu wenig praxisnah ist, ins Berufsleben und damit auch ins Erwachsenenleben. Viele hätten anfangs auch Schwierigkeiten damit, dass sie nun nur noch fünf Wochen im Jahr Urlaub haben, statt wie in der Schule, Sommer- und Weihnachtsferien. Lehrlinge sind da etwas anderer Meinung. Desiree, einem PKA-Lehrling (Pharmazeutisch-Kaufmännische Assistentin), fällt es beispielsweise oft schwer, neben dem Stress in der Arbeit noch Zeit und Kraft für das Lernen zu finden. Außerdem findet sie es etwas veraltet, das Lehrlinge nach wie vor 40 Stunden in der Woche arbeiten müssen. Hanna, ebenfalls PKA-Lehrling und im gleichen Betrieb, stimmt dem zu: „Man hat oft das Gefühl, dass man kein Privatleben mehr hat. Das Leben besteht fast nur noch aus Arbeit, Schule und Lernen.“ Nikolina, ein Friseurlehrling, hat mit ähnlichen Problemen zu kämpfen. Bei ihr kommt jedoch das zu niedrige Gehalt dazu: „Ich finde es unfair, dass ich im ersten Lehrjahr für 40 Stunden die Woche genauso viel verdiene wie eine Samstagskraft“.

Haben MaturantInnen bessere Jobaussichten?

Die Studie des Instituts für Jugendkulturforschung besagt auch: mehr als ein Drittel findet, MaturantInnen hätten es bei der Jobsuche leichter als jemand mit einem Lehrabschluss. Erich Huber ist anderer Meinung: „Lehrlinge verdienen ab ihrem ersten Arbeitstag Geld und sind mit dem praktischen Arbeitsleben in Verbindung. Sie werden von Anfang an mit einer bestimmten Fachrichtung konfrontiert, die sie dann auch am Arbeitsmarkt anwenden können. Bei MaturantInnen fehlt dieser Teil komplett.“ Auch die interviewten Lehrlinge sind sich einig: MaturantInnen haben aufgrund der fehlenden Berufserfahrung keine besseren Jobchancen.

Nach welcher Lehre hat man die besten Jobaussichten und das höchste Gehalt?

Laut Erich Huber gäbe es prinzipiell nach jedem Lehrberuf gute Jobaussichten, technische Lehrberufe lägen aber nach wie vor im Trend. Ein Problem gäbe es aber: „Viele Lehrlinge wissen leider noch zu wenig Bescheid über die Vielfalt der Ausbildungsmöglichkeiten. Ich empfehle daher jedem Jugendlichen, sich zuerst umfassend über das breite Lehrangebot zu informieren“. Dass man in technischen Berufen sehr gut bezahlt wird, dem stimmen auch die interviewten Lehrlinge zu. Interessant ist zudem, dass sich die PKA-Lehrlinge nicht über ihr Gehalt beklagen könnten, während der Friseur-Lehrling sich eindeutig mehr Gehalt wünschen würde.

Kümmert sich die Politik in Österreich zu wenig um Lehrlinge?

Besonders überraschend sind die gespaltenen Meinungen zu diesem Thema. Erich Huber findet, dass man in Österreich ganz besonders auf Lehrlinge achte, da sie in Zukunft die Stütze der heimischen Wirtschaft sein werden. Auch Desiree und Hanna sind sich einig, dass es Lehrlingen in Österreich gut gehe und es keine Probleme gäbe, die politisch diskutiert werden müssten. Ganz anders denkt Nikolina: „Ich glaube, dass es den österreichischen Politikern ziemlich egal ist, wie es Lehrlingen geht. Auf sie wird komplett vergessen“.

Eine weitere Auffälligkeit ist sehr wohl auch die geschlechterspezifische Verteilung auf die einzelnen Lehrberufe. Noch immer sind zu wenig Frauen in der Technik, wie Nikolina festhält: „Ich könnte mir nicht vorstellen als KFZ-Mechanikerin zu arbeiten. Nicht wegen der Arbeit oder der Lehre, die fände ich sehr spannend, ich würde aber mir als einziges Mädchen zwischen all den Männern ein bisschen blöd vorkommen. Wenn mehr Mädchen solche Berufe ergreifen würden, würde ich es vielleicht auch machen“.