18
Jan

Die Schule ist das Spiegelbild der Gesellschaft

Die Bildungsaktivisten Philippe Greier und Michael Karjalainen-Dräger im Zwiegespräch über die Evolution im österreichischen Bildungssystem, Kasterl-Denken und innovative Bildungsmodelle.

Die „Ritter der Bildungsrunde“ wollen eine Vernetzungsplattform für Bildungsinitiativen schaffen und neue Wege in der Bildung gehen. Österreichweit gibt bereits an die 70 Bildungsinitiativen (Quelle: StEFFIE-Festival 2015-Anschlussbericht), ca. 700 Privatschulen, wovon ca. 400 in freier TrägerInnenschaft ohne konfessionellen Hintergrund sind und eine wachsende Anzahl an FreilernerInnen sowie zum (organisierten) häuslichen Unterricht abgemeldeten SchülerInnen. Die wachsende Anzahl an Bildungsinitiativen und Unterrichtsalternativen deuten auf einen bevorstehenden Bildungswandel in Österreich.

Philippe Greier (PG): Wie siehst du zurzeit die Rolle Österreichs in der Bildungstransformation? Wohin geht die Reise?“

Michael Karjalainen-Dräger (MKD): Bildungstransformation ist ein schöner Begriff. Es geht tatsächlich um einen Wandel, um Transformation und nicht um Revolution. Ich orte derzeit durch die wachsende Anzahl an Initiativen, Bildungsinteressierten und BildungsaktivistInnen erstmals wirklich eine grundlegende Bewegung von der Basis her. Von dort wird der Wandel kommen. Und er wird letztlich zu sehr differenzierten, an den Bedürfnissen jedes einzelnen Lernenden orientierten Bildungslandschaften führen. Und deine Sicht?

PG: Es geht um viel mehr als “nur” um Bildung. Wir erleben eine spannende Zeit. Wir können über die individuelle Freiheit hinaus unsere soziale Verantwortung der Gemeinschaft gegenüber wahrnehmen und uns kollektiv befreien. Wir haben die Technologien und Ressourcen diesen Schritt zu gehen… Diese Transformation ist ein evolutionärer Prozess, der über Grenzen hinweg geschieht – Bildung ist keine nationale Angelegenheit. Ich vermute, dass der gesellschaftliche Wandel im Bildungsbereich am schnellsten greifbar ist. Es werden nach und nach verschiedene Realitäten mit polarisierenden Grundwerten sichtbar, die parallel zu einander existieren. Unsere Anstrengungen sind durch unser Kasterl-Denken eingeschränkt und nur wenige Lösungen außerhalb der Box werden umgesetzt. Wahrscheinlich ist auch das eine ganz normale Entwicklung oder?“
MKD: Ich geb dir Recht, was das “Kastel-Denken” betrifft. Wir alle wurden von der Schule genau auf dieses “Kastel-Denken” programmiert. Dennoch glaube ich – in Anlehnung an die Theorie von “kritischen Masse”-, dass es genügt, wenn die PionierInnen und AktivistInnen dieser Tage ihre Kräfte bündeln und auf diese Weise den Quantensprung einleiten. Wie kannst du dir eine solche Bündelung der Kräfte vorstellen?

PG: Wir brauchen Mut und Vertrauen. Der Wandel ist vielfältig, nicht-linear und ohne Hierarchien – wir müssen lernen, plurale Realitäten zu akzeptieren und tolerieren. Daher ist es schwierig eine kritische Masse zu bündeln. Wenn wir lernen, Lösungen, die über unsere eigene Erfahrung und Vorstellungen hinausgehen, zu zulassen, werden wir erfolgreich sein. Jeder Einzelne muss nun Verantwortung für sich aber auch für die Gemeinschaft übernehmen. Wo kannst du das in Österreich erkennen?“

MKD: Ein Paradigmenwandel oder -wechsel ist ja nicht “machbar”, es braucht auch die nötige Geduld und Ausdauer, ihn entstehen zu lassen. Aber es ist auch wichtig, dass die, diesen Bewusstseinswandel schon vollzogen haben, als PionierInnen und VorreiterInnen eines neuen Paradigmas voranschreiten. Und da sind wir jetzt wieder bei der Bündelung der Kräfte. Es gilt auf verschiedenen Wegen Bildung zu wandeln und ganz individuelle Bildungswege zu ermöglichen. In Österreich erkenne ich Bemühungen in diese Richtung bei stEFFIE, einem Festival für Bildungsinnovation, das es seit 2 Jahren gibt und der PIBÖ, die ja grade entsteht. Was sind aus deiner Sicht notwendige nächste Schritte?

PG: Innovationen kommen oft aus Notsituationen hervor. Wir müssen uns jetzt auch diese Notsituation eingestehen – das Modell Schule, wie wir es kennen, ist im 21.Jahrhundert obsolet. Jedes System bringt ausgezeichnete Lösungen hervor. Es geht darum diese Leuchttürme zu erkennen und zu verbinden. Einen Raum zu schaffen, wo sich Pioniere mit First Movern und Followern austauschen und in der Gemeinschaft konkrete Lösungen weiterentwickeln bzw. skalieren. Wenn diese Pioniere lernen, gemeinsam tätig zu sein, wird der Rest der Gesellschaft das Vertrauen aufbringen diese Wege zu gehen. Dieser Weg wird leicht, wenn wir intergenerational zusammen zu arbeiten.“

MKD: Ich erkenne diese frische, junge Energie vor allem in jenen Projekten, die sich nicht mehr an diese Regeln halten und Bildung soweit individualisieren wollen, dass jedeR auf seine/ihre Lebens- Fragen Antwort bekommt. Für diese individualisierten Bildungswege braucht es BegleiterInnen und MentorInnen, so dass jedeR Einzelne nicht „lost im Bildungs-Space“ ist oder sich im Extremfall eben gar nicht mehr bilden kann. Hier finde ich die Ansätze, die Ivan Illich in den 1970ern und in seiner Nachfolge der deutsche Philosoph Bertrand Stern entwickelt haben, sehr spannend. Sie sprechen von einer Entschulung der Gesellschaft bzw. einem “Frei-Sich-Bilden”, womit die Institution Schule obsolet wird.

Zu den Personen

Philippe Greier ist Mitbegründer von presente! einem internationalen Think&Do Tank. Er ist weltweit als Bildungsaktivist tätig und arbeitet an einer Dokumentation und einem Buch über den Bildungswandel.

Michael Karjalainen-Dräger ist “Bildungs-Wandler” und Gründer der Initiative “Nie-mehr-Schule”, die sich für ein Recht auf Bildung im Sinne eines “Frei sich-Bildens” ohne die Institution Schule einsetzt.

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